Zoogeschichten
Geschichten aus dem Zoo – Eisbärbabies Knut, Flocke und Co. …

Die Geschichte des Leipziger Zoo

Fennek
Geschrieben in Zoo Doku Soaps im Ersten  von reini am 1. August 2008

Vom Käfig zur Miniaturlandschaft

Im Jahre 2003 feiert der Leipziger Zoo, einer der renommiertesten und meist besuchten Tiergärten Europas, sein 125-jähriges Bestehen. Mit zahlreichen Veranstaltungen gedenkt die Messestadt dem Gastwirt Ernst Pinkert, der am 9. Juni 1878 den Zoologischen Garten an der Pfaffendorfer Straße gründete. Was mit der Zurschaustellung einiger Löwen, Tiger und Affen auf einem Grundstück von der Größe des Leipziger Marktplatzes begann, hat sich bis heute zu einem Tierpark der Superlative entwickelt. Auf 22 ha leben 900 Arten und Unterarten, sind die weltgrößte Menschenaffenanlage und Europas umfangreichster Lippenbärenbestand zu finden. Und der Umbau zum “Zoo der Zukunft” hat bereits begonnen. Für mehr als 90 Millionen Euro wird der Tiergarten bis 2014 zu einem Naturerlebnispark mit originalgetreuen Rekonstruktionen der Lebensräume Afrikas, Asiens und Südamerikas umgebaut. Und im “Gondwanaland” entsteht ein Jurassic Park ohne gefährliche Nebenwirkungen: ein multimedial unterstützter Urkontinent mit passender Pflanzen- und Tierwelt.

Die Gründung des Leipziger Zoos

Während die meisten deutschen Zoos als Aktienvereine organisiert waren, ging in Leipzig die Initiative zur Gründung eines Tiergartens auf einen Privatmann zurück. Diesem ging es auch weniger um die Förderung zoologischer Erkenntnisse oder die “Erquickung von Herz und Seele am wilden Tier”, sondern er versprach sich von dem Zoo schlicht ein Geschäft.

Im Januar 1873 hatte Ernst Pinkert den Pfaffendorfer Hof am Rande des Rosentals übernommen. Der wirtschaftliche Erfolg war dem Sohn eines Fabrikarbeiters keineswegs sicher. Auch andere Gaststätten warben mit dem Blick ins Grüne, boten den Besuchern Konzerte und Ballmusik, Theateraufführungen und Varieténummern. Wollte der junge Wirt gegen die Konkurrenz bestehen, reichte eine gute Küche nicht aus. Er lud zum “Riesen-Monstre-Pracht-Feuerwerk”. Gaukler und Seiltänzer, Musiker und Schausteller ergänzten das Programm.

1876 stellte Pinkert auf der Wiese hinter seiner Gaststätte die ersten Tiere aus. Sein Partner für dieses Projekt war Carl Hagenbeck. Der Hamburger Tierhändler wollte in der Messestadt seine “Ware” verkaufen, Pinkert suchte nach Attraktionen für seinen Pfaffendorfer Hof. So entstand auf der Pleißewiese ein mit Wasser gefülltes Zementbassin. Am 7. Juli meldeten die Lokalzeitungen die Ankunft von fünfzehn Alligatoren und über zweihundert Schildkröten. Der Rummel um die “Ungethüme” dauerte einen Monat, dann sorgten acht Seehunde für neue Aufregung. Pinkert begann mit dem Aufbau eines Tierparks, lieh und kaufte sich von Hagenbeck immer mehr Bewohner für die wenigen Käfige und Gehege, die er hatte errichten lassen.

Am Pfingstsonntag, dem 9. Juni 1878, lud der Wirt zum Frühschoppen. Insgesamt viereinhalbtausend Besucher bestaunten vor allem die Raubtiere, aber auch Hirsche, Antilopen, Kängurus und bunte Papageien. Aber noch fehlten die großen Attraktionen. Elefanten, Nashörner oder Flusspferde suchte man vergebens. Pinkert musste Geduld haben. Auf sich alleine gestellt konnte er nur schrittweise vorgehen.

Marktplatz der Sensationen

Je mehr Rummel, desto besser. Davon war Ernst Pinkert überzeugt. Ungewöhnliche Veranstaltungen sollten Gäste anlocken und das notwendige Geld einspielen. So folgten Völkerschaugruppen auf Dressurdarbietungen, Kuriositätennummern auf Sportwettkämpfe. Wilde Tiere und “fremde Menschen” verschmolzen zu einer exotischen Kulisse, der Zoo wurde zum Marktplatz der Sensationen.

Mit dem verdienten Geld kaufte Pinkert immer mehr tierische Attraktionen. Überschwenglich berichtete die Presse von der Ankunft der Elefantenkuh Sally und den erstmals in Deutschland gezeigten Orang-Utans. Zum Markenzeichen des Gartens aber entwickelten sich in den 80er und 90er Jahren die Großkatzen. Bereits um die Jahrhundertwende konnte Pinkert auf etwa 200 Löwen aus eigener Zucht verweisen. Ihr Verkauf garantierte zusätzliche Einnahmen. Zudem feierte Pinkerts Angestellte Clara Huth unter dem Künstlernamen Claire Heliot weltweit Triumphe als Löwendompteuse. Die bildhübsche Frau dirigierte bis zu zwölf Löwen und vier Doggen durch die Manege, ließ die Großkatzen auf einem Seil balancieren und trug zum Schluss der Vorstellung ihren Lieblingslöwen Sascha auf den Schultern zum Ausgang.

Doch es gab immer wieder Rückschläge, denn noch wusste man wenig über die artgerechte Haltung von Wildtieren. Nach wie vor gab es große Verluste. So brach im Herbst 1901 unter den Raubkatzen die Rotzkrankheit aus. Mindestens 23 Löwen, mehrere Tiger, Leoparden, Panther, Pumas und Hyänen verendeten qualvoll.

Der Zoo wird zur AG

Obwohl die Bevölkerung immer regeren Anteil am Schicksal des Tiergartens nahm und die Zahl seiner Förderer stetig anstieg, waren Pinkert und sein Zoo um die Jahrhundertwende in einer schwierigen Lage. Mit etwas über drei Hektar gehörte der Tiergarten zu den kleinsten der deutschen Großstädte. In den Käfigen des Zoos herrschte drangvolle Enge, doch für die nötigen Ausbauten fehlte das Geld. In dieser Situation signalisierte die Stadt Leipzig Pinkert ihr Einverständnis zur Umwandlung des Tierparks in eine Aktiengesellschaft.

Potente Anleger waren schnell gefunden und so stand der Expansion des Zoos nichts mehr im Wege. Neue Tierhäuser und das prunkvolle Gesellschaftshaus entstanden auch dank weiterer Kredite der Stadt. Der immer stärker betonte Bildungsauftrag des Zoos schien die öffentliche Unterstützung zu rechtfertigen. Kuriositätenprogramme gehörten nun der Vergangenheit an. Vergnüglich, aber würdevoll sollte es zugehen, dem Ernst der Aufgabe angemessen. Schüler erhielten freien Eintritt und noch vor dem Ersten Weltkrieg erreichten die Besucherzahlen mit mehr als 400.000 Personen im Jahr Spitzenwerte. Der Tierpark hatte sich zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges entwickelt.

Das Konzept Hagenbecks

Auch in Leipzig war mittlerweile eine erbitterte Diskussion über die Formen der Zootierhaltung entbrannt. Auslöser war Ernst Pinkerts langjähriger Geschäftspartner Carl Hagenbeck. Dieser hatte in Hamburg im Jahre 1907 einen Tierpark eröffnet, der alle bisherigen Konzepte in Frage stellte. Nicht mehr durch Gitter, sondern durch Gräben waren die Bewohner hier von den Besuchern getrennt. Die umfassenden Gebirgslandschaften, das riesige Eismeerpanorama und die Raubtierschlucht machten weltweit Furore.

Zugleich erfuhr der Zoo einen tiefgreifenden Wandel in seiner Symbolik. Aus “dem Labor zur Domestizierung des Wilden” wurde zunehmend ein “Schaufenster der Natur”, mit der man in Berührung treten wollte. Der wachsenden Kritik an den Bedingungen, unter denen die Kreatur hinter Gittern gehalten wurde, wollte man mit einer artgerechteren Präsentation der exotischen Tiere, dem natürlichen Lebensraum entsprechend, begegnen. Auch im Leipziger Zoo hielten die Ideen Hagenbecks Einzug, wenn auch erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Frühe Beispiele hierfür sind das 1926 fertig gestellte Dickhäuterhaus und die drei Jahre später vollendete Bärenburg.

Zeit des Mangels und der Improvisation

Am 28. April 1909 starb Ernst Pinkert. Noch heute erinnert auf dem Nordfriedhof ein mächtiger gemeißelter Löwe an den Gründer des Leipziger Zoos.

Sein Nachfolger wurde der Westfale Johannes Gebbing, der sich mit dem Bau des Schauaquariums und des Glashauses für “Reptilien, Amphibien und Insekten” eindrucksvoll einführte.

Im Ersten Weltkrieg sank die Zahl der Besucher dramatisch. Gleichzeitig wurde die Versorgung der Tiere von Jahr zu Jahr schwieriger. Der Tierbestand ging deutlich zurück. Im November 1917 war die Elefantenkuh Nelly so weit geschwächt, dass sie nicht mehr aufstehen konnte. Der Liebling des Publikums erhielt den Gnadenschuss und endete in den Kochtöpfen einer stadtbekannten Gaststätte. Im Vergleich zu anderen Tiergärten war der Leipziger Zoo dennoch im Vorteil. So manche Lücke konnte durch den Handel mit Raubkatzen geschlossen werden. Am Ende des Krieges war der Zoo in einem trostlosen Zustand.

Aufgrund der drohenden Zahlungsunfähigkeit der Aktiengesellschaft wurde der Zoo 1920 der Stadt unterstellt. Nun hatte der Direktor etwas Spielraum für die notwendigsten Instandsetzungsarbeiten. Zudem tat sich eine überraschende neue Devisenquelle auf. Gebbing schloss Verträge mit Filmproduzenten. Löwen und Tiger wurden an mindestens fünf verschiedene Gesellschaften verliehen. Auch der Direktor selbst musste, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, in einigen der Filme mitspielen. Die durch den Rummel gereizten Tiere ließen sich nur von einer vertrauten Person beruhigen. Künstlerische Ansprüche stellten die Regisseure nicht. Filme wie “Zirkusleben”, “Samson und Dalila” oder “Lucrezia Borgia” sind heute vergessen.

Hedigers neues Zookonzept

Neben den bereits erwähnten Anlagen für die Dickhäuter und Bären erhielt der Leipziger Zoo in den 20er und 30er Jahren eine ganze Reihe von Neuerungen. So wurde der Garten von sieben auf 12,5 Hektar vergrößert, neue Wegeachsen angelegt und zahlreiche Gehege neu gebaut oder erweitert. Den wichtigsten Einfluss auf die Entwicklung des Leipziger Zoos wie auch auf alle anderen Tierparks in Europa hatten in der Folgezeit allerdings die biologischen Forschungen des Heini Hediger.

Der Basler Zoodirektor und Begründer der Tiergartenbiologie untersuchte auffällige Verhaltensstörungen bei Tieren in Gefangenschaft. Dabei kam er zu dem Schluss, dass die Tiere durch den Wegfall der Nahrungssuche und der Feindvermeidung zu viel Freizeit haben, und empfahl, diesen Beschäftigungsmangel durch Dressuren oder sonstige Abwechslung im Tieralltag zu bekämpfen.

Eine weitere Erkenntnis Hedigers war, dass die Art der Möblierung eines Geheges entscheidender ist als seine Größe. Er fand heraus, dass eine Tieranlage, die die wesentlichen Fixpunkte enthält – z.B. Heim, Bad und Tränke, Sandbad, Grabmöglichkeit, Kratzstelle, Kletterbaum, Felsen etc. – vom Bewohner akzeptiert und nicht freiwillig verlassen wird. Nicht nur im Leipziger Zoo gibt es kaum noch eine Anlage, in deren Planung diese fundamentalen Erkenntnisse Hedigers nicht eingeflossen sind.

Forschung im Leipziger Pongoland

Besonders gut ist dies in der weltgrößten Menschenaffenanlage “Pongoland” zu beobachten. Dort untersuchen Forscher des eigens gegründeten Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie auf spielerische Art das Verhalten der Tiere. Die Bewohner von Pongoland empfinden diese Studien ganz offensichtlich als willkommene Abwechslung. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler können wiederum zu einer noch artgerechteren Haltung der gefangenen Tiere führen. So ist der Leipziger Tiergarten auch ein Beispiel dafür, wie sich Zootierhaltung und Forschung gegenseitig befruchten können.

Der Zoo als “Erlebniswelt”

Das vorläufig letzte Glied in der Zoogeschichte Europas ist die Entwicklung der Tiergärten zu so genannten Erlebniswelten. Der Besucher soll nicht nur die Tiere in ihrer möglichst artgerechten Umgebung bestaunen, sondern ihm wird durch die originalgetreue Nachbildung fremder Welten ein sinnliches Naturerlebnis versprochen. Zu diskutieren ist, ob diese “Event-Kultur” dem Bildungsanspruch der Zoologischen Gärten zuwiderläuft oder diesen vielleicht sogar fördert. Bei aller zunehmenden Kommerzialisierung der Zoos, die von Tierschützern immer lauter kritisiert wird, darf nicht vergessen werden, dass den Tiergärten in Sachen Arten- und Naturschutz eine immer größere Bedeutung zufällt.

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