Die Zoogeschichte
Das Stück
Livia Anne Richard und Markus Maria Enggist wollen ihr Freilichtprojekt durchführen – trotz Schwierigkeiten mit der Stadt Bern. «Die Zoogeschichte» heisst das Stück, geschrieben ist es vom Amerikaner Edward Albee. Richard hat das Zwei-Personen-Stück um einen Gitarristen (Hank Shizzoe) aufgestockt. Die Theaterproduktion soll vom 6.Juni bis am 31.Juli über die Bühne gehen – wenn nun auch nicht mehr über eine städtische.
Die Produktion sucht nun rund um Bern einen geeigneten Spielort. Geplant sind 25 Aufführungen.
Kulturförderung
Das Stück «Die Zoogeschichte», von Livia Anne Richard inszeniert, muss ohne öffentliche Gelder auskommen. Es sei ursprünglich geplant gewesen, ein Gesuch bei der Stadt Bern einzureichen. Doch als der Standort Schlosspark Bümpliz mündlich zugesagt wurde (siehe Haupttext), habe die Zeit nicht mehr gereicht, erklärt Richard. Die Theaterkommission der Stadt Bern entscheidet nur zwei Mal
im Jahr über die Produktionsbeiträge. «Ich mache seit Jahren Theater in Bern und habe noch nie einen Rappen gesehen», so Regisseurin Richard. Wer wolle, dass es in einem Projekt vorwärtsgehe, müsse sich der Privatwirtschaft zuwenden. «Unser Verwaltungsapparat ist hierfür zu lahm.»
Dass man erfolgreich inszenieren kann, auch mit wenig staatlichen Subventionen, beweist das Theater an der Effingerstrasse: Trotz gedrosselter Beiträge zieht das Theater viel Publikum an.
Vorhang fällt vor der Premiere
Die Narzissen leuchten in der Morgensonne, der Bärlauch dazwischen riecht knoblauchartig, während im Hintergrund der Springbrunnen im Schlosspark Bümpliz vor sich hin plätschert. Eine Oase, umrankt von Wohnhäusern. «Ein perfekter Ort», sagt Livia Anne Richard und sieht dabei nicht glücklich aus.
Die Berner Regisseurin hat hier mit ihrem Produktionsleiter Markus Maria Enggist ein Freilichttheater geplant. Beide Kulturschaffenden sind in der Stadt keine Unbekannten, feierten etwa mit dem «Dällebach Kari» auf dem Gurten Grosserfolge. Für diesen Sommer sahen sie ein «kleines, feines Theater» vor, mit drei Personen auf der Bühne – «ohne Mikrofon», so Enggist (s. Kasten).
Zwei Mitarbeitende der städtischen Gewerbepolizei gaben den Theaterprofis im März grünes Licht für ihr Projekt. Heute, einen Monat später, sehen Richard und Enggist aber rot. Der Grund: Die Stadt hat die Bewilligung unsauber abgeklärt und muss sie nun zurückziehen.
Projekt mündlich bewilligt
Dabei sah alles gut aus. Diesen Februar trafen sich Richard und Enggist mit der Gewerbepolizei am Egelsee – ursprünglich planten sie, das Freilichtspiel dort aufzuführen. Der Augenschein vor Ort aber ergab, dass dieser Platz ungeeignet war. Die zwei Theaterschaffenden nahmen daraufhin den Schlosspark in Bümpliz ins Visier. «Am 17.März hat ein Mitarbeiter der Gewerbepolizei unser Projekt definitiv bewilligt.» Enggist sagt, er habe auf eine schriftliche Bestätigung gedrängt, sei aber mit den Worten abgespeist worden: «Es ist Usus in der Stadt Bern, einen Anlass erst drei bis vier Wochen vor Beginn schriftlich zu bestätigen.»
Verträge unterzeichnet
Richard und Enggist machten sich an die Arbeit. Sie unterschrieben die Verträge mit den Künstlern, bestellten die Tribüne. Rund 20000 Franken kostet die Miete für die neun auf zehn Meter Zuschauerplätze, so der Projektleiter. Geld, das die beiden noch nicht bezahlt, aber vertraglich zugesichert haben.
Verwaltung wusste nichts
Premiere sollte am 6.Juni sein. Für die Anwohner planten Enggist und Richard einen Informationsanlass. Anfang April verteilten sie Flyer in die Briefkästen. Einen Tag später drohte ihnen ein Nachbar per Telefon mit dem Anwalt, falls sie im Sommer das Stück aufführten. Enggist kontaktierte «zu unserer Sicherheit» die städtische Liegenschaftsver-waltung. Dieser gehört das Schlossareal. Dort fiel man aus allen Wolken: Vom geplanten Freilichtprojekt in Bümpliz hatte man keine Kenntnis. Kurze Zeit später erteilte die Verwaltung den zwei Theaterleuten eine Absage. Die Gründe überzeugen die zwei Kreativen nicht: So argumentierte die Stadt etwa, der Rasen sei ungeeignet oder die Nachbarschaft könne vom Lärm belästigt werden. «Die Stadt Bern krebst wegen eines Anwohners zurück», mutmasst Richard. Den Vorwurf weist die Liegenschaftsverwaltung von sich. Das Stück überschreite die Nachtruhe von 22 Uhr nicht, so Enggist. Das Theater würde um 20 Uhr beginnen und 70 Minuten dauern – ohne Pause. «Man hat uns nicht angehört», ärgert sich Richard.
Alternative ist ungeeignet
Die Liegenschaftsverwaltung schlug den beiden eine Sitzung am 21.April vor und einen neuen Standort hinter dem Schloss. Richard pochte, erfolglos, auf ein früheres Treffen. «Der alternative Spielort ist ungeeignet», sagen Regisseurin und Produktionsleiter. Einerseits sei der Ort zu wenig intim für das ruhige Stück. Andererseits überschneidet sich der Zeitplan mit dem Schlossfest Bümpliz. «Wir müssten vor und nach dem Fest die Tribüne auf- und abbauen», sagt Enggist. Das sei logistisch und finanziell unmöglich. Die Folge: Sieben Wochen vor der Premiere müssen sich die Kulturschaffenden nach einem neuen Ort umsehen. Richard: «Wir hoffen auf Asyl in der Agglomeration.»
Nach einem scharfen E-Mail an die Behörden hat sich die Gewerbepolizei bei den zwei Theaterleuten entschuldigt. Auch gegenüber dieser Zeitung spricht Marc Heeb, Leiter der Gewerbepolizei, von einem «Fehler». Man sei nach wie vor bereit, alternative Standorte zu prüfen. Im Schlosspark sei noch nie ein solcher Event durchgeführt worden. «Wir haben fälschlicherweise angenommen, dass die Zusage des Pächters genüge.» Es sei ausserdem üblich, dass die Zusage – selbst bei Grossanlässen – erst kurz vor dem Event schriftlich erfolge. «Wenn wir aber mündlich zusagen, dann kann man sich in 99,9 Prozent der Fälle darauf verlassen.»
Das konnten Richard und Enggist nicht. Für diesen Sommer kehren sie der Stadt Bern den Rücken zu. «Das Label ‹Kulturstadt Bern› ist nichts weiteres als ein Hohn», sagt Enggist. Gestern hätte der Informationsanlass stattgefunden. Sie haben nun erneut Flyer im Quartier verteilt – um den Anwohnern abzusagen.
(Berner Zeitung)