.:ZooGeschichten:.
Geschichten aus dem Zoo – Eisbärbaby Knut, Flocke und Co. …

Tierschützer kritisieren Zoo-Dokus im Fernsehen

Herberstein
Geschrieben in Zoo Doku Soaps im Ersten  von reinxen am 30. Juli 2008

Inszenierte Natur

Knut wird von seinem Pfleger massiert, ein Känguruh-Baby im Beutel seiner Pflegerin durch die Gegend getragen. Niedliche Tiere, nette Pfleger – mit solchen Bildern ziehen die Zoo-Dokus jeden Tag Millionen Zuschauer in ihren Bann. Den Anfang machte 2002 die Erfolgsserie “Elefant, Tiger & Co”. Seitdem haben allein die öffentlich-rechtlichen Sender 14 weitere Tierpark-Dokus entwickelt. Ein ganzer Filmproduktionszweig hat sich mittlerweile darauf spezialisiert. Tierschützer kritisieren, dass Knut & Co in den beliebten Serien vermenschlicht würden. Der Zuschauer bekäme ein falsches Bild der Natur. Zapp über Erfolgsformate im Fernsehen, die eine heile Tierwelt suggerieren.

Anmoderation:

Insekten ziehen nicht so richtig, Fische auch nicht und Vögel nur bedingt. Aber alle zusammen sind besser als jedes Dschungelcamp. Zumal, wenn sie solche Stars unter sich haben. Knut und Flocke, die niedlichen Eisbären. Oder Horst, das lustige Lama. Dann erobern sie nicht nur die Herzen der Kinder, sondern auch die der Fernsehmacher. Geschichten von Tieren im Zoo hübschen seit Jahren die Quote auf und bringen Tierschützer auf die Palme. Sie kritisieren die mediale Verniedlichung. Yasemin Ergin über Doku-Soaps, die aus wilden Eisbären harmlose Plüschteddies machen.

Beitragstext:

Saubermachen für das große Medienspektakel. Knut, das Eisbärbaby in Szene gesetzt wie ein Kuscheltier. Als er im März letzten Jahres seinen großen Auftritt hatte, kamen Journalisten aus aller Welt. Ein wildes Tier als Medienstar. Tierschützer finden das bedenklich. Wolfgang Apel, Vorsitzender Deutscher Tierschutzbund: “Es ist mit die Schuld der Medien, dass Knut als Beispiel genommen wird, dass es auch ganz was Schönes ist und ein ganz niedliches Tier ist. Jetzt eifern nämlich die Zoos untereinander, wer am schnellsten wieder eine Nachzucht macht und damit, zum Beispiel Nürnberg, in Bremerhaven, in Zoo am Meer, alle wollen jetzt züchten, damit sie wieder eine Attraktion haben. Und das ist auch über diese Shows mit vermittelt worden.”

Erfolgsserien am Fließband

Eine dieser Shows hat Knut ganz alleine bestritten – eine Tier-Doku. Eine von vielen und bei Weitem nicht die Erste. Hier im Zoo Leipzig fing vor sechs Jahren alles an. Mit “Elefant Tiger & Co.” ging die erste Zoo-Doku über den Sender, produziert vom Mitteldeutschen Rundfunk. Mittlerweile wurde das Erfolgsformat so oft kopiert, dass selbst der Produzent dieser ersten Zoo-Doku keinen Überblick mehr hat. Peter Dreckmann, MDR (Produzent “Elefant Tiger & Co.”): “Panda, Gorilla & Co., Eisbär, Affe & Co., Giraffe, Erdmännchen & Co., das sind, glaube ich, drei. Es gibt bestimmt noch mehr, aber die fallen mir jetzt nicht ein.” Kein Wunder, denn vierzehn Zoo-Dokus gibt es mittlerweile allein im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und es wird fleißig weiter produziert. Immer neue Serien, mit immer gleichen Inhalten.

Billigere Fernsehprodukte

Putzige Tiere zum Anfassen und Liebhaben – viel sympathischer als die Artgenossen in der freien Wildbahn. Prof. Michael, Universität Bremen: “Natürlich gibt es da eine Vermenschlichung, Verkindlichung, besonders, es sind ja oft sehr kleine Tiere, Verkitschung könnte man sagen der Natur. Und natürlich ist der Zoo nicht die wilde Natur da draußen, auch wenn das so ein bisschen suggeriert wird.” Wilde Natur, das war gestern. Grzimek zeigte uns die Serengeti, Sielmann unternahm monatelange Expeditionen ins Tierreich. Und heute: Tierfilmer Andreas Kieling. Da sind banale Zoo-Dokus wesentlich billiger. Peter Dreckmann: “Es ist natürlich ein billigeres Produkt als die BBC `Unsere Erde`, die irgendwie fünf Jahre lang drehen und natürlich eine wahnsinnige Kohle da rein stecken, klar, das ist natürlich ein Unterschied.” Ein Unterschied, der den Zuschauern schmackhaft gemacht wird. Klingt ja auch überzeugend. Peter Dreckmann: “Ich glaube einfach, es gibt verschiedene Faktoren, die so eine Zoo-Doku so erfolgreich machen. Und einer ist natürlich, dass ich mir im Fernsehen zum Beispiel die Affen im Pongoland in Leipzig angucken kann und dann auch die Chance habe, ins Pongoland nach Leipzig zu fahren, um dann die Affen wirklich da zu sehen. Die Affen, die ich einen Tag vorher im Zoo gesehen hab, im Fernsehen gesehen hab, kann ich dann eben im Zoo auch sehen. Wenn ich Affen irgendwo in Uganda mir angucke, kann ich nicht mal eben am nächsten Tag nach Uganda fliegen, um mir genau die Affen anzugucken.”

Kostenlose Dauerwerbesendungen

Stattdessen zahme Zootiere und mitteilsame Tierpfleger im Fernsehen. Ausschnitt aus “Ruhrpottschnauzen” (ZDF): “Man muss als Pfleger schon ein Gefühl dafür entwickeln, manchmal ist es sinnvoll ein bisschen grober zu sein, sag ich mal einfach so, und gezielt und feste zuzufassen, und dann aber auch schnell zu handeln.” Ausschnitt aus “Seehund, Puma & Co.” (Radio Bremen): “Sie nutzt natürlich jede Chance, und auch mal eben dranne zu naschen und sich was klauen.” Auch die Zoos profitieren. Die täglichen Dauerwerbesendungen bringen Aufmerksamkeit, steigende Besucherzahlen und ein besseres Image. Jörg Junhold, Direktor Zoo Leipzig: “Dadurch, dass wir auch die Türen aufgemacht haben, hinter den Kulissen gezeigt haben, wie funktioniert ein Zoo, was machen die Tierpfleger, wie gehen die mit den Tieren um, denke ich, ist ein positives Bild entstanden.”

Leiden nur selten Thema

Heile Welt in den Zoo-Sendungen. Verdrängt wird dabei, dass wilde Tiere eigentlich in die freie Natur gehören – und im Zoo unter völlig unnatürlichen Bedingungen leben. Ausschnitt aus “Seehund, Puma & Co.” (Radio Bremen): “Mit dem Erfrischungsbad wird es wohl noch ein wenig dauern. So viel ist sicher. Und Irka ist sicher in der Box – nur der Elektrozaun, der ist noch nicht sicher.” Wolfgang Apel: “Wir sehen insgesamt den Kreis dessen, was eigentlich für eine Tierqual, ich sag das auch so, Tierqual dort geschieht, dass sehen wir nicht oder wir erläutern es überhaupt nicht, sondern wir nehmen es einfach als gegeben, dass das wie Plüschtiere gehaltene Tiere sind, denen es gut geht.” Und deshalb beengte Verhältnisse für große Tiere. Dieses Leiden nur ganz selten ein Thema in den Doku-Soaps: Schwere Verhaltensstörungen durch die Gefangenschaft. Keine guten Bilder für die fernsehgerecht inszenierte Tierwelt. Peter Dreckmann: “Wir thematisieren sie dann, wenn wir denken, dass sie thematisiert werden sollen, also natürlich sind wir nicht angetreten, um jetzt die Zoos an sich in Frage zu stellen, das ist nicht unser Job.”
Liebevolle Betreuung

Keine Probleme also in den Zoo-Dokus, sondern lieber eine heile Welt mit gutgelaunten Tieren. Über deren natürliche Lebensräume erfährt man kaum etwas und somit auch nichts über die Notwendigkeit von Naturschutz oder Artenerhalt. Jörg Junhold: “Also, das müssen am Ende natürlich die Fernsehmacher auch verantworten und müssen sich diese kritischen Fragen gefallen lassen. Ich gehöre auch dazu, der sagt, das Leben kann nicht nur aus Dokus-Soap bestehen. Auf der anderen Seite bin ich sehr froh, dass wir für unser Thema auch die Doku-Soap haben.” Ausschnitt aus “Seehund, Puma & Co.” (Radio Bremen): “So ist es schon einfacher. Nein, du musst eben warten.” Die Lieblingsthemen in allen Zoo-Fokus: Liebevolle Betreuung und medizinische Versorgung, statt fressen und gefressen werden.
Unkritisch und fragwürdig

Prof. Michael Flitner: “Was sich durchzieht durch diese Sendungen oder durch die, die ich gesehen habe, ist einerseits so eine Infantilisierung, ja, sind sehr oft kleine Tiere, sind hilflose Tiere. Dann eine Medikalisierung, würde ich sagen, es gibt oft diese Arztsituationen und ähnliches, was man ja auch so in den menschlichen Bereich abbuchen kann.” Wolfgang Apel: “Diese Sendungen sind sehr unkritisch gehalten, sie vermenschlichen das Tier, veralbern es im Grunde genommen auch. Und ich finde, dass man dieses unkritisch dem Zuschauer vorsetzt, mehr als fragwürdig.” Fragwürdig, aber erfolgreich. Millionen Zuschauer wollen täglich sehen, wie schön das alles ist: Tiere in der Gefangenschaft.

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