Nachwuchs im Beutel – Känguruh Zoo-Geschichten
Anfang August, sagt Reviertierpfleger Christian Möller, habe er den Nachwuchs erstmals erblickt. Nach 33 Tagen als Embryo im Mutterleib hatte sich das zwei Fingerglieder kurze Geschöpf vom Geburtskanal aus auf Wanderschaft begeben: an einer von Mutti aufs Fell geleckten Spur nach oben in den Beutel. Dort saugt sich das Baby dauerhaft an einer Zitze fest – bis sie nach einigen Wochen das erste Mal frische Luft schnappen. In Kürze wird der Nachwuchs seinen ersten Sprung nach draußen wagen, später ganz im Freien leben. Wenn er dann zum Trinken den Kopf zurück in Muttis Beutel steckt, kann er einem Geschwister “Guten Tag!” sagen. Känguru-Frauen sind Supermütter – sie haben drei Kinder gleichzeitig: einen Embryo im Bauch, ein Jungtier im Beutel und eins draußen bei Fuß.
Aber wer über Kängurus redet, spricht selten vom Kinderkriegen, vielmehr vom Boxen. Früher wurden den Tieren in Zirkussen sogar Boxhandschuhe übergezogen. Bei den ritualisierten Kämpfen richten sich die bis zu 80 Kilo schweren Männchen auf und schätzen die Stärke des Gegners ein. Kommt es zum Kampf, nehmen sich beide mit den Vorderbeinen in einen Klammergriff und treten aufeinander ein. “Thai-Boxen”, sagt Zoo-Kurator Ragnar Kühne.
Kängurus stammen aus Australien, worüber der Reiseschriftsteller Bill Bryson ein witziges “Frühstück mit Känguru” verfasst hat. Schließlich gibt es mehr als 60 Arten und Millionen Exemplare, wenngleich tausende als Verkehrstote die Straßen durchs Outback säumen. Manche Australier ziehen verwaiste Jungtiere auf und nennen sie Skippy – nach einem Busch-Känguru, das 1967 erstmals downunder über den Bildschirm hüpfte. Viele andere landen im Kochtopf. Auch die Berliner Gastronomie bietet Kängurufleisch an, allerdings nicht das Restaurant im Zoo. Die Besucher, so Kühne, seien in die lebenden Exemplare vernarrt.
Vier Kängurus sind zu sehen: Männchen Sydney führt das Rudel der drei Weibchen an. Und er taxiert den Reviertierpfleger. Doch Möller ist größer. Noch. Rote Riesenkängurus gelten als die größten lebenden Beuteltiere und sind aufgerichtet 1,80 Meter hoch. Rot deswegen, weil die Männchen zur Paarungszeit ein rötliches Sekret entwickeln und damit sich und ihre Partnerinnen eincremen. Auf eine weitere erotische Attraktion weisen männliche Besucher gerne laut hin: dass die Männchen ihre Hoden vor dem Penis tragen. Beutelneid, wer weiß? Ins Schwitzen bringt der Anblick kein Weibchen. Wird einem Känguru heiß, leckt es sich ab und lässt die Flüssigkeit verdunsten. Auf Spuckebasis, ohne Wodka und Rum. ‘Flying Kängurus’ serviert man nur in Cocktail-Bars.
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